Viel zu spielen macht noch keine Sucht. Die meisten Menschen, die gerne und ausgiebig zocken, haben kein Problem damit – Gaming ist ein Hobby wie jedes andere. Bei manchen verschiebt sich diese Grenze aber, und Spielen übernimmt zunehmend die Kontrolle statt umgekehrt.

Wann aus Hobby eine Störung wird

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat „Gaming Disorder“ 2019 offiziell in die ICD-11 aufgenommen – als eine von bislang nur zwei anerkannten Verhaltenssüchten neben der Glücksspielstörung. Drei Kriterien sind entscheidend: Kontrollverlust über Dauer und Häufigkeit des Spielens, wachsender Vorrang des Spielens vor anderen Interessen und Pflichten, und Weiterspielen trotz spürbarer negativer Folgen. Wichtig dabei: Die Diagnose setzt voraus, dass dieses Muster über mindestens zwölf Monate anhält und den Alltag deutlich einschränkt. Die Hürde liegt also bewusst hoch – intensives, aber kontrolliertes Spielen fällt ausdrücklich nicht darunter.

Warum Gaming zur Sucht werden kann

Spiele sind gezielt so gestaltet, dass sie das Belohnungssystem ansprechen – kleine Erfolge, ständige Fortschritte, soziale Anerkennung im Spiel. Problematisch wird es oft dann, wenn Gaming nicht mehr in erster Linie Freude bereitet, sondern zunehmend dazu dient, unangenehme Gefühle wie Stress, Einsamkeit oder Überforderung zu vermeiden. Je mehr das Spiel zur einzigen verlässlichen Quelle für gute Gefühle wird, desto schwerer fällt es, davon Abstand zu nehmen.

Anzeichen, auf die Eltern und Angehörige achten können

Häufig sind es nicht nur Spielzeiten allein, die auffallen, sondern Veränderungen drumherum: nachlassende Leistungen in Schule oder Beruf, Rückzug von Freunden und Familie, gereizte oder aggressive Reaktionen, wenn das Spielen unterbrochen wird, gestörter Schlaf, oder auch, dass über die tatsächliche Spieldauer nicht mehr ehrlich gesprochen wird.

Wie ich in der Praxis an das Thema herangehe

Bei diesem Thema arbeite ich meist mit beiden Bausteinen, die ich zur Verfügung habe: systemisch, weil Gaming-Konflikte fast immer auch die Familie betreffen – oft geht es genauso um die Beziehung und die Regeln zu Hause wie um das Spielverhalten selbst. Und verhaltenstherapeutisch, weil sich lohnt zu verstehen, welche Gefühle oder Situationen das Spielen jeweils auslösen, um dort gezielt anzusetzen, statt nur die Symptomatik zu bekämpfen.

Eine erste Reflexionsfrage

Falls Sie sich unsicher sind, ob Sie selbst betroffen sind: Stellen Sie sich einen Tag ganz ohne Zugriff auf Ihr Spiel vor – nicht verboten, einfach nicht verfügbar. Was löst allein dieser Gedanke aus? Erleichterung, Gleichgültigkeit oder eher Unruhe und Anspannung? Diese Frage ersetzt keine Diagnose, gibt aber oft schon eine erste, ehrliche Rückmeldung.

Der nächste Schritt

Ob Einzelgespräch oder – gerade wenn Familie und Konflikte zu Hause eine Rolle spielen – ein gemeinsames Gespräch: Schreiben Sie mir, wir schauen gemeinsam, was zu Ihrer Situation passt.

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